Gokstad Tasche

  • Hier findet ihr eine Anleitung zur Rekonstruktion einer kleinen Tasche aus dem Schiffsgrab in Gokstad in der Nähe des heutigen Sandefjord in Norwegen.

    In dieser Anleitung möchte ich den Versuch einer Rekonstruktion der Gokstad Tasche dokumentieren. Als Ausgangsobjekt dienen dabei zwei Fragmente aus dem Schiffsgrab in Gokstad in der Nähe des heutigen Sandefjord in Norwegen.

    Die Fragmente selbst sind leider nicht mehr existent und wurden leider auch nie fotografiert. Es existiert lediglich eine Illustration in der Fundbeschreibung:


    Langskibet Fra Gokstad Ved Sandefjord (N. Nicolaysen, 1882)





    Während das oben zu sehende Fragment mit mehreren Durchbrüchen verziert wurde, weist das andere keinerlei derartige Verzierungen auf. Da beide Fragmente zahlreiche Nahtlöcher aufweisen, scheint es sich also um die Vorder- und

    Rückseite einer Tasche zu handeln. Da die Fragmente relativ klein sind (ca. 13,5 * 8,5cm), kann man vermuten, dass in der Tasche Münzen, Silberstücke oder andere wertvolle, kleinere Gegenstände aufbewahrt wurden. Auch andere Verwendungen sind

    natürlich denkbar. Die Fragmente bestehen aus dünnem Leder und zumindest das Vorderteil war wohl mit farbigem Stoff oder Leder hinterlegt, welches man durch die Verzierungen erkennen konnte. Um was es sich dabei

    genau gehandelt hat, ist leider nicht mehr rekonstruierbar und geht auch nicht aus der Fundbeschreibung hervor. Ich habe mich dazu entschieden auch die Rückseite der Tasche mit Wolle auszukleiden, um sie noch etwas schicker

    erscheinen zu lassen und den Inhalt dadurch zu schonen.


    1. Werkzeug und Material:


    Wie oben beschrieben bestand das Original aus dünnem Leder. Von welchem Tier dieses stammte, konnte ich nicht herausfinden. Naheliegend wäre hier wohl Ziegenleder. Hauptsache ist, dass es nicht zu dick ist. Wählt am besten ein

    dünnes Leder mit ca. 1 - 1,5mm Stärke.

    Dazu benötigt ihr ein Stück Wollstoff, Leinen oder dünnes Leder in einer anderen Farbe. Ich habe mich für einen blauen Wollstoff entschieden. Das ist aber ebenfalls Geschmackssache.

    Darüber hinaus habe ich einen Streifen Leder von einer anderen Haut für die Öffnung der Tasche verwendet (auf der Abbildung oben, rechts im Bild). Um die Tasche später tragen zu können, braucht ihr noch ein Stück Lederband.


    Folgendes Werkzeug habe ich benutzt:

    - Scharfes Cuttermesser

    - Kugelschreiber/Bleistift

    - Ahle

    - Ledernadel (immer an Ersatz denken!)

    - gewachstes Garn

    - Lineal oder Geodreieck

    - Kombizange (weil man die immer brauchen kann)

    - Patex oder Lederkleber



    2. Schnittmuster:


    Zunächst brauchen wir ein Schnittmuster für die Tasche. Ich habe mich dabei recht genau an die Maße der beschriebenen Fragmente gehalten. Denkbar ist natürlich auch, die Tasche etwas größer zu machen.

    Je nachdem wozu man sie nachher benutzen möchte. Dazu benötigt ihr, neben dem Stift, ein Stück Papier und ein Lineal. Um die Tasche insgesamt symmetrisch hinzubekommen, könnt ihr eure Zeichnung einfach

    in der Mitte falten und überstehende Papierstücke abschneiden. So stellt ihr sicher, dass ihr nachher kein vollkommen schiefes Konstrukt herstellt.



    3. Zuschneiden:


    Wenn das Schnittmuster fertig ist, geht es ans Übertragen und Zuschneiden der einzelnen Teile. Dazu legt ihr euer Schnittmuster einfach auf das Leder und die Wolle und zeichnet es jeweils ab. Anschließend

    werden die Teile ausgeschnitten. Bei der Wolle empfehle ich euch, die Teile nachträglich an allen Rändern etwas zu verkleinern, damit ihr später nicht durch mehrere Lagen Wolle und Leder nähen müsst.

    So vermeidet man auch unschöne Wollfäden, die aus der Tasche ragen. Zum Schneiden verwenden wir natürlich das Cuttermesser. Alternativ könnt ihr auch eine sehr scharfe Schere verwenden.




    4. Die Verzierung:


    Jetzt wird es etwas schwierig. Die Verzierung der Vorderseite müsst ihr zunächst auf dem Leder vorzeichnen. Ich habe das auf der Fleischseite des Leders (da wo es rau ist) einfach freihand gemacht. Natürlich könnt ihr euch ein

    Schnittmuster auf Papier entwerfen und übertragen. Wenn man vorhat mehrere Taschen zu nähen, würde ich sich das natürlich anbieten.



    Wenn das geschafft ist und ihr mit dem Ergebnis zufrieden seid, geht es ans Ausschneiden der Verzierung. Dabei müsst ihr extrem vorsicht mit dem Cuttermesser sein, da einmal zerschnittenes Leder leider schwer zu reparieren ist.

    Wer eine sehr scharfe Nagelschere hat, kann die hierzu einsetzen.



    Wenn diese beiden Schritte geschafft sind, können wir die Lederteile mit der ausgeschnittenen Wolle verkleben. Natürlich ist es nicht authentisch hierzu Pattex zu verwenden. Wer es also ganz genau nehmen möchte, kann

    entweder auf diesen Schritt verzichten oder einen authentischen Klebstoff wählen. Wenn ihr ihn ganz auslasst, sollten die Wollstücke natürlich entsprechend größer sein und nicht, wie in Punkt 3. beschrieben,

    verkleinert werden.



    Jetzt wird es anstrengend. Wir umnähen und fixieren die gesamten Verzierungen, die wir vorgeschnitten und mit Wolle hinterlegt haben. Dazu stechen wir entlang der Verzierungen die Nahtlöcher mit der

    Ahle vor. Wie groß ihr die Abstände dabei wählt ist euch überlassen. Ich habe sie recht eng gewählt, was natürlich erheblich mehr Arbeit bedeutet.

    Eine Schwierigkeit beim späteren Vernähen entsteht durch die hinterlegte Wolle. In der bleiben die vorgestochenen Löcher nämlich nicht sichtbar. Dazu könnt ihr einen einfachen Trick anwenden.

    Bestreicht die gestochenen Löcher im Leder mit Wasser. Dadurch entstehen auf der Rückseite (auf der Wolle) kleine feuchte Stellen. Die sind dann ganz gut sichtbar und erleichtern das Nähen etwas.

    Das funktioniert bei dunklem Stoff, wie meinem, leider nur mäßig. Aber probiert es mal aus!




    5. Vernähen der Teile:


    Nun geht es an das Vernähen der Vorder- und Rückseite. Dazu legt ihr die beiden Teile passend aufeinander, fixiert sie am besten mit Wäscheklammern oder Ähnlichem und stecht die Nahtlöcher mit der Ahle vor.

    Anschließend gehts ans Vernähen. Ich nähe in der Regel einmal vor und anschließend wieder zurück, um eine geschlossene Naht zu erreichen. Das würde auch mit zwei Nadeln und der Sattlernaht funktionieren,

    ist aber Geschmackssache.




    6. Die Öffnung:


    Wie weiter oben schon beschrieben, existiert auf den Abbildungen ein weiteres Stück Leder, welches man als Teil der Taschenöffnung interpretieren kann. Dazu schneidet ihr euch zwei Streifen aus einem

    andersfarbigen, etwas dickeren Leder aus. Achtet dabei darauf, dass die Streifen jeweils so lang sind wie die Öffnung breit ist. Geht am besten auf Nummer sicher und legt ein paar Milimeter oben drauf - abschneiden

    geht immer! Alternativ könnt ihr auch einen sehr langen Streifen nehmen. Das ist wieder einmal Geschmackssache. Meine Lederstreifen habe ich 3cm breit breit gemacht.

    Die beiden Lederstreifen werden nun an der Tasche fixiert und wieder mit der Ahle vorgelocht. Anschließend wird alles vernäht.



    Ich habe anschließend noch eine Ziernaht im oberen Bereich gemacht. Die dient aber nur der Zierde.

    Wenn ihr beide Lederstreifen angenäht habt, kommt die Lochzange zum Einsatz. Auf der Illustration sind mehrere Reihen von Löchern im Öffnungsstück der Tasche zu erkennen. Diese scheinen

    keine echte Funktion zu haben und sind daher wohl eine Form der Verzierung. Nehmt das Lineal oder Geodreieck zur Hand, zeichnet euch die Löcher vor und stanzt dann die Löcher mit der

    kleinsten Stufe eurer Lochzange aus.



    7. Der Trageriemen:


    Zu guter letzt machen wir noch einen einfachen Trageriemen an die Tasche. Das ist der letzte und einfachste Schritt. Dazu benutzen wir wieder die Lochzange und stanzen mit der größten Stufe

    zwei Löcher in das Öffnungsstück. Hierdurch fädeln wir den Lederriemen, verknoten ihn auf der Rückseite und fertig.


    Alternativ könnte man hier auch eine Art Verschluss aus Lederschnüren machen.


    8. Das Ergebnis:




    Viel Spaß beim Nachmachen!




    Hier noch ein paar andere Beispiele von Taschen die ich nach diesem Schema genäht habe:




Kommentare 2

  • Es gibt wohl noch eine andere Interprätation mit Knochenplatten zum Verschluss, hier mal ein Foto meines Rekonstruktionsversuchs auf diese Art.



    • Habe ich auch schon gesehen. Finde ich auf jeden Fall sehr schön!